Der große Wurf

Ein netter Artikel aus der Zeit.

Warum eine merkwürdige Schar von Menschen kreuz und quer durch die Lande reist, um die hohe Kunst des Fliegenfischens zu erlernen. Ein Lehrgang. Von Stefan Willeke

Ob er sie wohl küsst? Nö. Sie stinkt ein wenig. Ihre Schleimhaut riecht muffig. Vielleicht ein zarter Kuss nur auf die Stirn? Ach was, sagt Bernd Kuleisa, das mache er nicht. Ja, er mag Fische, doch er küsst sie nicht, nein. Natürlich kennt er ziemlich viele Menschen, die so was tun.

Vernünftige Männer allesamt, aber nicht so vernünftig, dass sie in den glücklichsten Augenblicken ihres Lebens noch zu unterscheiden wüssten zwischen dem Reiz einer Frau und dem einer Bachforelle. Also küssen sie. Fische. Wenn es sein muss, auch vor Publikum.

Dass Bernd Kuleisa jemals Fischküsser kennen gelernt hat, hängt damit zusammen, dass er in der Szene zu Hause ist und Angler in die Königsdisziplin des Fischefangens einweist. Er ist als Lehrer ins oberösterreichische Schärding gekommen, wo zehn Angler ihn erwarten, damit er gute Fliegenfischer aus ihnen macht. Eine besondere Spezies. Was man schon daran erkennt, dass man sich stundenlang darüber streiten kann, was Fliegenfischen eigentlich ist. Eine besonders elegante Methode, Fische zu fangen, steht in Lehrbüchern: Ein Fliegenfischer wirft eine künstlich hergestellte, um einen Haken gebundene Fliege ins Wasser, der Fisch hält sie für eine echte und schnappt zu. Ganz einfach. Scheinbar. Tatsächlich liegen die Dinge viel komplizierter. Nicht nur, dass es Hunderte verschiedene Fliegen gibt, von denen je nach Gewässer, Wetter und Fischart nur wenige erfolgversprechend, also fängig sind. Nicht nur, dass das perfekte Auswerfen einer Flugschnur (fast) so viel Geschick abverlangt wie ein geglückter Fallrückzieher im Strafraum. Da ist auch noch die Philosophie, die Fischkultur. Übersetzt heißt das: in einem Fisch das klügste und sensibelste Individuum nach dem Menschen sehen – und ihn das spüren lassen, wenn man ihn gefangen hat. Deshalb liebkosen einige Fliegenfischer die erste Forelle des Tages, aber eigentlich liebkosen sie nur sich selbst.

Du, Forelle, bist intelligent. Aber ich bin intelligenter Das Wort Angeln kommt so gut wie nie vor, als sich Bernd Kuleisas Angler am Abend vor ihrer Einschulung übers Fliegenfischen unterhalten. Angeln ist etwas anderes. Angeln ist zum Beispiel, mit einem aufgespießten Wurm in einem Bach herumzufreveln. Fliegenfischen ist, ein filigranes Pseudoinsekt zu präsentieren – zielgenau, bestimmt für einen ausgesuchten Fisch, den man sieht (schnell erlernbar) oder irgendwo weit draußen zu erahnen meint (Unsinn, darum noch schneller erlernbar). Heute beißt wieder nix, sagt ein Angler an einem schlechten Tag. Die Fische sind heute sehr selektiv, sagt ein Fliegenfischer.

Ein Angler muss nur einen tumben Köder auswerfen. Ein Fliegenfischer lernt von den Aristokraten des Fachs, den Altmeistern der Technik, wägt den jüngeren gegen den älteren Gebetsroither-Wurfstil ab. Ein Angler kauert unter einem Schirm am Kanal und freut sich, wenn in seinem verschmierten Plastikeimer viele kochtopfgroße Karpfen liegen. Ein Fliegenfischer steht in Watstiefeln inmitten eines klaren Mittelgebirgsbachs, und wenn eine edle Forelle ihm die Gnade erweist, seine Fliege zu akzeptieren, dann lässt er sie aus Hochachtung wieder frei.

So könnte man es sehen, wenn man die selbstherrliche Verklärung ernst nähme, die von jeher wie ein Heiligenschein über dem Fliegenfischen schwebt. Der 43-jährige Kursleiter Bernd Kuleisa will von alledem nicht viel wissen. Elf Jahre lang hat er als Chefredakteur des Fachmagazins Fliegenfischen viele Laien neugierig gemacht, und das lakonische Kompliment einer Anglerin ist ihm noch heute das schönste: Sie haben geholfen, das Fliegenfischen zu entmystifizieren. Die Legende von der fischenden Elite komplett zu vernichten wäre ihm aber auch nicht recht. Er sagt es in der Sprache der traditionsreichen Fliegenfischernation Großbritannien: We are one family, and we define who belongs to us. Nur sehr wenige Fliegenfischer würden aussprechen, dass sie etwas Besseres seien, doch insgeheim fühlen sich viele so. Spätestens, wenn sie in einer Fliegenfischerschule bei den Fortgeschrittenen einsortiert werden.

Josef allerdings gilt noch als Anfänger. Er ist Ende vierzig, Vertriebsmanager in einem Münchner Computerhaus und stapft mit vier anderen Rutenträgern durch den Wald. Als die Angler am Wasser ankommen, sagt Bernd, der Kursleiter: So, hier ist das Wasser. Dann erklärt er am Rande einer Butterblumenwiese, dass auch die Schnur eine Seele hat, einen inneren Strang. Josef guckt ungläubig. Unsere künstliche Fliege, sagt der Wurftrainer, ist eine Karikatur, ein Abbild der Natur. Bernd nimmt eine Entenbürzel-Fliege aus seiner Schachtel: Fühl mal. Josef fühlt und sagt: Fettig. – Stimmt, sagt Bernd, diese Fliege ist aus dem Bürzel, den Federn am Hinterteil einer Ente, gemacht. Josef staunt.

Bernd Kuleisa ist so, wie sich ein Fliegenfischer einen würdigen Vertreter seiner Zunft vorstellt. Er pflegt seinen Bart und seinen kühlen Humor, spricht mit dunkler Stimme, stopft manchmal eine Pfeife und deutet höchstens an, dass er von Fliegen, Fischen und beidem zusammen mehr versteht, als in zehn Bücher passt. In Neuseeland hat er gefischt, in Alaska, Island, Russland, Slowenien, überall. Ich bin ein bisschen herumgekommen, sagt er.

Damit Josef begreift, warum Forellen auf Fliegen stehen, dirigiert Bernd ihn in den Bach. Der Lehrer hebt einen Stein aus dem flachen Wasser und dreht ihn um. Josef blickt angestrengt in ein Stück Matsch, in dem sich merkwürdige Würmchen winden. Keine Würmer, sagt Bernd, Nymphen, die Larven von Insekten. Überall an den Felsen im Bach haben Insekten ihre Eier abgelegt.

Wenn aus den Eiern Larven werden und die schließlich zu fertigen Fliegen, dann treiben sie an die Oberfläche, und die Forellen greifen zu. Josef studiert immer noch die Tierchen im Matsch. Hier, sagt Bernd, ein Steinklammerer. Hmm, meint Josef. Und da, ein Schlammgräber. Oh, macht Josef.Der Kursleiter zeigt ihm einen der vielen Kniffe im Wasser, den Rollwurf.

Josef ist misstrauisch. Mit der Fliege hat er nur mal im Urlaub gefischt und tagelang nichts, bestenfalls fast nichts, gefangen. Fliegenfischen, dachte er, sei eine soziale Frustrationsbewegung. Doch nun, nach knapp einer Stunde Übung, beißt eine kräftige Regenbogenforelle in seine kleine Fliege, und Josef wird so nervös, dass er viel falsch macht und den Fisch verliert. Bernd gibt ihm eine andere Fliege, und Josef fängt drei Fische. Super, sagt Josef, wenn ich das nur alles vorher gewusst hätte. Vorher – das war, als er die kunstvollen Schnurbögen der Fliegenfischer in oberbayerischen Bächen bestaunt hatte. Josef aber traute sich nicht. Er war überwältigt von den grazilen Bewegungen der Meister und dachte für sich: Das kannst du nicht.

Nach einem Tag in Schärding sagt er: Das ist gar nicht so schwierig. Wenn ich noch mal nach Lappland oder British Columbia fahren sollte, dann mache ich nicht Sightseeing mit meiner Frau, sondern Fliegenfischen.

Josef wundert sich inzwischen auch nicht mehr darüber, dass er einen gefangenen Fisch sacht vom Haken löst, ihn behutsam ins Wasser zurücksetzt und wieder schwimmen lässt, statt ihn einzutüten fürs Abendessen. Catch and release praktizieren viele Fliegenfischer. Manchmal, weil sie es selbst so wollen, manchmal, weil der Gewässerbesitzer ihnen keine Wahl lässt. Josef hat schnell gelernt: Das Interessante ist doch, wenn ein Fisch zufasst. Nicht, ihn mitzunehmen. Der Kursleiter sagt es so: Du, Forelle, bist ziemlich intelligent. Aber ich werde dir beweisen, dass ich ein bisschen intelligenter bin. Harte Arbeit kann das sein. Stundenlang durchs Wasser pirschen, sich durch Büsche schlagen, werfen, ein Dutzend Mal die Fliege wechseln, wieder werfen, die Fliege trocken pusten, schwitzen, fluchen – so lange, bis ein Fisch sich überzeugen lässt von dem Imitat. Fliegenfischen ist vermutlich die schönste Methode, sich das Leben schwer zu machen.

Noch ist die deutsche Fangemeinde klein. Schätzungsweise 40 000 Fliegenfischer unter drei Millionen Anglern. Doch es werden mehr. So rasch, dass inzwischen genügend Schüler für gut 100 verschiedene Wurflehrer im deutschsprachigen Raum da sind. Vor allem Stadtmenschen begeistern sich dafür. Und weil die meisten Fliegenfischer ein bisschen wohlhabender sind als gewöhnliche Angler, leisten sie sich das Vergnügen, für eine Fischereilizenz an einem malerischen Wald-, Wiesen- oder Gebirgsbach 30, 50 und auch mal 100 Mark am Tag zu zahlen. Wohl wissend, dass ein Angler am heimischen Baggersee auch für fünf Mark einen Tag totschlagen kann.

Das ist leicht zu verschmerzen, weil Fliegenfischen eine süße Illusion namens unberührte Natur verheißt. Dass es keinen Bach in Mitteleuropa mehr gibt, der nicht durch Menschenhand verändert wurde, steigert noch das Verlangen, sich fortzubeamen in ein kleines Stück vorindustrielles Idyll, in der eine flatternde Maifliege glücklicher macht als ein neuer Dienstwagen.

Fliegenfischer wissen um diesen Selbstbetrug, und sie genießen ihn. Die Menschen in den überlangen Stiefeln sind wie Kinder, die beim Spielen alles ringsum vergessen. Da fahren Professoren zum Wurfkurs nach Schärding, Anwälte, Ärzte, Studenten. Wenn sie im Wasser stehen, sehen sie so aus, als hätten sie nie etwas Spannenderes beobachtet als eine rot gepunktete Bachforelle, die zu einer Fliege emporschnellt.

Jemand, der nicht weiß, wie man einen Fisch fängt, soll ihm nicht dadurch Schande bereiten, dass er ihn fängt, notierte der fliegenfischende Schriftsteller Norman Maclean vor einem halben Jahrhundert. Fliegenfischer lieben Macleans Roman Aus der Mitte entspringt ein Fluss. Und als er vor ein paar Jahren verfilmt wurde, munkelten sie, dass Robert Redford zwar Regie führen, aber nicht habe mitspielen dürfen, weil er ein zu schlechter Fliegenfischer sei.

Man merkt etwas von diesen gefühlsbeladenen Unterscheidungen in Gut und Schlecht, Sauber und Unsauber, Fliege und Nichtfliege, wenn man dem 34-jährigen Thomas Wölfle zuhört, dem zweiten Lehrer der Schärdinger Wurfschule. Er bindet Fliegen so vorsichtig, als hätte er es mit Diamanten zu tun, und weil er sich bewiesen hat in der fliegenfischenden Hochkultur, ist ein Angelplatz am viel gerühmten bayerischen Bach Traun nach ihm benannt: Tom’s rock. Wenn Thomas Wölfle seinen Schülern nahe bringen will, was Fliegenfischen ausmacht, sagt er Sachen wie: Ich möchte, dass ihr verschmelzt mit dem Wasser. Das ist das Schönste. Ich möchte, dass der Rhythmus des Wassers mit eurem Wurfrhythmus harmoniert. Er schwingt die Angelrute so leichthändig, als sei sie in seinen Unterarm eingewachsen, strahlt in die Sonne, und Josef, der Neuling, wird später sagen: Thomas‘ Bewegungen, die sind so fließend. Toll!

Damit sogar ein Vernunftmensch wie Bernd Kuleisa ins Schwärmen gerät, muss die Natur sich ganz schön anstrengen. Doch es gibt sie, diese seltenen Momente, die ihn etwas Unüberlegtes tun lassen. Wie damals, am Rio Grande in Argentinien, als seine Fliege im Maul eines Fisches verschwand. Oh Bernd, schrie der einheimische Fisch-Guide, it is heavy. Bernd Kuleisa vergaß alles, als er sie sah. Eine silbrige Meerforelle, neun Kilo schwer. Die Forelle seines Lebens. Es war schon dunkel, als er sie küsste.

Information Anreise: Mit dem Auto: über die A 8 (Regensburg-Passau-Linz) bis zur Abfahrt Pocking, dort der Beschilderung Richtung Schärding folgen. Das Romantik-Hotel liegt in der Nähe des Marktplatzes.

Knapp sieben Stunden mit dem ICE von Hamburg nach Schärding.

Fliegenfischerschule: Der von Bernd Kuleisa und Thomas Wölfle geleitete Kurs in Schärding richtet sich an Anfänger und Fortgeschrittene, beginnt donnerstagabends und endet am darauf folgenden Sonntagmittag. Termine auf Anfrage. Die Kursgebühr beträgt 450 Mark pro Person.

Weitere Angebote im Kleinanzeigenteil der Fachmagazine Fliegenfischen und Der Fliegenfischer.

Unterbringung und Buchung: Romantik-Hotel Forstinger, Unterer Stadtplatz 3, A-4780 Schärding am Inn, Tel. 0043-7712/23 02, Fax: 0043-7712/230 23, E-Mail: romantikhotelforstinger@magnet.at, Homepage: www.tiscover.com/forstinger.

Drei Übernachtungen im Doppelzimmer kosten für Kursteilnehmer 490 Mark inklusive Halbpension. Im Preis enthalten sind auch die Fischereilizenzen für die Kursgewässer.

Auskunft: Bernd Kuleisa, De Wurth 7, 25587 Münsterdorf/Schleswig-Holstein, Tel. und Fax 04821/89 20 50, E-Mail: Kuleisa.Bernd@t-online.de

DIE ZEIT, 26/2000

Quelle:

Schönes Herbstwochenende

Wupper Landschaft im Herbst

Bachforelle aus der Wupper

Noch ein Wupper Landschaftsbild im Herbst

Diese Wochenende hat, neben einem niedrigen Wasserstand und angenehmen Wetter für die Jahrzeit, die Chance zum fischen geboten. Am Samstag Nachmittag und am Sonntag bin ich an der Wupper unterwegs gewesen. Ich habe ein paar für mich neue bzw. Stellen die ich nicht oft besuche ausprobiert. An beiden Tagen habe ich etwas gefangen, was sehr viel Spass gemacht hat. In der nächsten Zeit werde ich wohl verstärkt an der unteren Strecke fischen, um die Forellen und Äschen in Ruhe zu lassen und den Döblen nachzustellen.

Herbst an der Wupper

Wupper im Herbst

Flusskrebs an der Wupper

Dieses Wochenende war ein Angelwochenende – aber kein Fischfang Wochenende. Es war trotzdem sehr schön an der Wupper. Wenn der Wasserstand in den nächsten Tagen sinkt, besteht Hoffnung für das Wochenende. Diesmal konnte ich auch endlich ein Foto von den Flusskrebsen machen.